Der Falke, Interview by Thomas Krumenacker, November 2014 pp. 17-20 (in German)

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Unterschätzte Biodiversität bei Vögeln

Vier Jahrelang haben Josep del Hoyo und Nigel J. Collar am ersten Band der Checklist  of the Birds of the World gearbeitet. Seit einigen Wochen ist das Werk, das sich mit den  Nicht-Singvögeln befasst, auf dem Markt und hat bereits eine intensive Debatte entfacht.  DER FALKE sprach mit Josep del Hoyo über die Ergebnisse des Mammutprojekts, Kritik und  Überraschungen. Die Fragen stellte Thomas Krumenacker.  

DER FALKE:Eines der wichtigsten Ergebnisse der neuen  Checklist ist die Anerkennung von mehr als 400 neuen  Vogelarten. Das hat Ihnen bereits den Vorwurf eingetra- gen, eine lange Liste neuer Arten produziert zu haben,  um den Schutzgedanken zu fördern. Nach dem Motto:  Mehr neue Vogelarten bedeuten auch mehr Aufmerk- samkeit für den Artenschutz.
Josep del Hoyo:
Auch während wir hier sprechen, bekom- men wir laufend Reaktionen, viel Lob, aber auch Kritik.  Und ja, Autoren einer anderen Checklist werfen uns vor,  unsere Liste sei eine Checkliste zum Artenschutz, wir  hätten so viele splits vorgenommen, nur um mehr Arten  schützen zu können. Das stimmt natürlich nicht. Wir  haben die Schutznotwendigkeit eines Taxons nie bei der  Entscheidung als Faktor in Betracht gezogen, diese als Art  zu erklären oder nicht. Wir glauben nicht, dass wir, nur deshalb, weil eine Form bedroht ist, prüfen sollten, ob wir sie als Art anerkennen können.

Tatsache bleibt aber, dass sich mit vielen neuen Arten mehr Aufmerksamkeit erzielen lässt.

Nicht nur Arten verdienen Schutz, auch Unterarten und  sogar isolierte Populationen einer Art brauchen Unter- stützung, wenn sie unter Druck sind. Und wir sind froh, dass sich in einigen Ländern Schutzkonzepte und Gesetz- gebung inzwischen auch auf Unterarten oder Populati- onen beziehen. In vielen Ländern, gerade in Regionen  mit größerer Biodiversität, gilt aber leider noch allein die  Art als Maß der Dinge. Wir nutzen Schutzbetrachtungen  dennoch nicht als Kriterien zur Defi nition einer Art. Wir hoffen natürlich, dass eine bisherige seltene Art, der wir  „nur“ noch Unterartstatus zubilligen, weiter im selben  Maße geschützt wird wie zuvor. Allerdings sagen wir klar:  Der Schutzgedanke hat in der rein taxonomischen Ent- scheidung keinen Platz. Gleichzeitig gilt aber auch: Eine  gute Taxonomie macht fundierte Entscheidungen möglich und unterstützt damit eine gute Artenschutzpolitik.

Die wohl folgenreichste Entscheidung ihrer Checklist  ist es, sich für die Anwendung der Tobias-Kriterien entschieden zu haben, um zu entscheiden, ob eine frühere taxonomische Festlegung revidiert werden soll  oder nicht, sprich: ob eine Kandidaten-Taxa fortan als Unterart oder eigenständige Art gelten soll. Fiel mit der  Entscheidung für dieses an das Biologische Artkonzept  angelehnte Punkte-Modell nicht auch die Vorentscheidung dafür, dass am Ende eine hohe Zahl neuer Arten herauskommt?

Es gibt weitaus radikalere Modelle als das, welches wir  anwenden. Hätten wir das Phylogenetische Artkonzept  angewandt, würden wir nicht mit weniger als 20 000  Arten nach Hause gehen.

Aber ja, bislang wurden auch weitaus konservativere  Modelle in vielen Listen angewandt. Bildlich gesprochen:  Wir ziehen den Arten-Regler ein bisschen weiter nach links, hin zum Beginn der Ausdifferenzierung von Taxa,  und damit glauben wir, dass wir eine ganze Menge von Formen ans Licht holen, die es wert sind, genau darauf  hin betrachtet zu werden, ob sie eine eigene Art sind. Wir  bringen unterschätzte oder übersehene Biodiversität unter  den Vögeln ans Tageslicht. Allerdings muss – wenn man  über so viele neue Arten staunt – auch berücksichtigt  werden, dass rund die Hälfte der von uns nun bestätigten splits bereits zuvor von den jeweiligen Artspezialisten  vorgeschlagen oder erklärt wurde. Die andere Hälfte wird hier erstmals publiziert.

»„Wir sind nicht Anti-Genetik“

An der Checklist wird vielfach kritisiert, nicht ausrei- chend Erkenntnisse aus dem Bereich der genetischen  Forschung zu berücksichtigen. Wie begegnen Sie dem  Vorwurf?

Einige Leute werfen uns sogar vor, wir ignorierten Genetik.  Das ist völlig unwahr. Die gesamte Makrosystematik folgt genetischen Studien und das ist eine große Veränderung  gegenüber dem, was wir etwa im Handbuch der Vögel  /…/

 

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