Der Falke, Review by Thomas Krumenacker, November 2014 pp. 1, 12-16 (in German)

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Konsistente taxonomische Überarbeitung: Die neue Illustrated Checklist of the Birds of the World
„Illustrated Checklist of the Birds of the World“ heißt wenig aufsehenerregend das jüngste Werk der spanischen Qualitätsschmiede für ornithologische Fachliteratur, Edicion Lynx.
Eine weitere Liste also, eine Aufstellung der Artnamen von A bis Z, vielleicht versehen mit Vogel-Abbildungen im Mikroformat? Wer das von der nun im ersten Band (Nicht-Singvögel)
erschienenen Checklist erwartet, wird enttäuscht. Positiv enttäuscht. Denn in nur vier Jahren haben die Autoren Josep del Hoyo (Herausgeber des Mammutwerks „Handbook of
the Birds of the World“) und Nigel Collar (Birdlife International) ein Werk geschaffen, das gewaltig und gewichtig ist – in jeder Hinsicht.

Technisch gesehen beinhaltet die Illustrated Checklist of the Birds of the World 904 groß  formatige Seiten, 357 Farbtafeln mit sage und schreibe 8290 Vogel Illus  trationen (zumeist übernommen aus dem ,,Handbook", aber auch mit 242 komplett neu gezeichneten und fast 800 überarbeiteten Artdarstellungen), darüber hinaus fast 4500 Verbrei  tungskarten, darunter für viele Arten überhaupt erstmals eine verbindliche Festlegung ihres Vorkommensareals, sowie mehr als 2100 bibliografische Quellenhinweise, die von der enor  men Arbeitsleistung des Duos und des Teams dahinter zeugen.

Was bedeuten nun diese eindrucks  vollen Eckdaten, die um den nicht eben unerheblichen Preis von rund 150 Euro ergänzt werden können, in der Praxis? Die Herausgeber bewer  ben die Checklist als ,,Zwei in einem"  Werk: eine aktuelle Übersicht über alle Vogelarten der Erde und zugleich eine Kompaktversion des 17 bändi  gen ,,Handbooks of the Birds of the World". Diese ambitionierte Cha  rakterisierung ist nicht übertrieben. Denn für alle Nicht-Singvögel gibt es nun ein Werk, in dem nach Überprü  fung ihres taxonomischen Status jede einzelne Art der Erde in zum großen Teil exzellenten Farbzeichnungen abgebildet (inklusive der wichtigsten Unterarten) und ihre Verbreitung nach neuestem Kenntnisstand darge  stellt wird. Ein wahres Inventarium der Vogelarten der Erde also und ein Referenzwerk mit weitreichenden praktischen Konsequenzen für die Prioritätensetzung im Kampf um das Überleben bedrohter Arten für die kommenden Jahrzehnte. Für Avifau  nisten, Freizeitornithologen, Lister und Twitcher, kurz: Für jeden an der Vogelwelt Interessierten bietet die Checklist eine lang erwartete Orien  tierung darüber, welche Taxa nun als eigenständige Vogelarten angesehen werden und welche nicht. Ein ange  sichts des rasanten Fortschritts in vielen Forschungsbereichen und des damit einhergehenden kaum noch überschaubaren, von manchen schon als Inflation bezeichneten Arten  splittings hochwillkommener Ori  entierungspunkt des gegenwärtigen Stands der taxonomischen Neuord  nung. 

» Zehn Prozent mehr Vogelarten 

Die in der Checklist genutzte Klas  sifizierung anhand der sogenann  ten Tobias Kriterien führt zu eini  gen handfesten Überraschungen. Die größte: Es gibt rund zehn Pro  zent mehr Vogelarten auf der Erde als bislang angenommen, und das ohne die ausstehende Überprüfung der Singvögel; der entsprechende 2. Band ist für 2016 angekündigt. Mit der Checklist werden gegenüber dem ,,Handbook" nicht weniger als 462 neue Arten anerkannt, die bislang als Formen oder Unterarten geführt wur  den (splits). Am anderen Ende werden 30 bislang als eigenständige Arten angesehene Taxa zu 22 Arten zusam  mengelegt (lumps). Damit gibt es nun offiziell 4472 Nicht-Singvogelarten auf der Erde.

Die konsistente taxonomische Überarbeitung ist die wohl wichtigste Leistung der neuen Checklist. Zwar waren rund die Hälfte der nun offizi  ell vorgenommenen Artentrennungen bereits von Fachleuten für die jewei  ligen Taxa vorgeschlagen worden. Doch anders als bei den Vorgänger  checklisten haben sich die Autoren hier nicht darauf beschränkt, die bereits existenten höchst unterschied  lichen regionalen Listen mit ihren mehr oder weniger gut begründeten Splitting-Vorschlägen nur zusam  menzustellen. Erstmals wurden alle Splitting-Kandidaten nach einheit  lichen Kriterien mit einer Methode überprüft und auf dieser Basis Ent  scheidungen über den Status des jeweiligen Taxons getroffen.

In einem mit 35 Seiten sehr umfangreichen Eingangskapitel wird die gewählte Methodik für die taxo  nomischen Entscheidungen ausführ  lich dargelegt und schlüssig begrün  det. Recht detailliert wird das Für und Wider der bestimmenden Artkonzepte diskutiert: das Biological Species Con  cept BSP (nach dem jede Population, die im Kontakt mit einer anderen ihre phänotypische und genetische Inte  grität erhält, eine Art ist), das Phy  logenetic Species Concept PSC (das kleinste Unterschiede als ausreichend zum Artsplitting erklärt, solange sie diagnostizierbar sind) und nicht zuletzt der Boom von Genstudien seit Beginn der 1980er Jahre.

Der anhaltende Trend, Arten immer stärker aufzusplitten, ohne dafür ein  heitliche Kriterien zugrunde zu legen, ist den Autoren ein Dorn im Auge. Kritisiert wird, dass einmal Kriterien des PSC-Konzepts (etwa die Splittung des südamerikanischen Bronzespechts in sechs Arten, die von den Checklist  Autoren nicht übernommen wird), ein andermal Spaltungen aufgrund von Variationen in Lautäußerungen und Verhalten bei morphologisch gleichen Taxa zugrunde gelegt (die Splittung zweier sirystes-Fliegenschnäpperar  ten in vier Arten) und in wiederum anderen Fällen die genetische Distanz zwischen zwei Taxa als Begründung für Aufspaltungen herangezogen werden (die Etablierung von Neu  kaledonien  und Norfolksittich aus dem südpazifischen Ziegensittich, die ebenfalls nicht übernommen wird). Auch Kombinationen verschiedener Konzepte sind in der Literatur und in Checklists nicht selten (etwa die Aufsplittung der nordamerikanischen Königs  und Klapperralle in fünf Arten). ,,Das Problem der Artbestim  mung besteht nicht nur in der Vari  ation der einzelnen Taxa, sondern auch in der Unterschiedlichkeit der Vorlieben und Wahrnehmungen der Taxonomen", konstatieren die Auto  ren mit milder Ironie. 

» Artbestimmung per Punktesystem 

Die Checklist-Macher haben eine Vorliebe für ein relativ neues Punk  tesystem zur taxonomischen Klassifi  zierung der Splitting Kandidaten. Sie setzen auf die an das BSC angelehn  ten sogenannten Tobias Kriterien. Dahinter verbirgt sich ein Klassifi  zierungssystem, das Punkte (scores) für feststellbare Differenzen in Mor  phologie, Ökologie und Verhalten vergibt. Die Schwelle für ein ausrei  chend hohes Maß an reproduktiver Isolation und somit Artanerkennung wurde nach ausführlichen Tests an nahe verwandten und gut erforsch  ten europäischen Unterarten auf 7 Punkte im score System festgelegt. Die einzelnen Kriterien sind gruppiert um zwei Klassen, innerhalb derer dif  ferenziert Punkte vergeben werden: phänotypische Kriterien (Gefieder, Stimme, Maße) und Verbreitungs Kri  terien (Allopatrie, Parapatrie, Breite der Hybridisierungszone, Sympatrie). Ist die Gesamtpunktezahl aus einem oder beiden Kriteriengruppen 7 oder mehr, wird Artstatus angenommen. Ergänzend wird auf molekulargene  tische Erkenntnisse zurückgegriffen, um die Evolutionsgeschichte einer Art zu klären und als Kontrolle für Entscheidungen, die aufgrund ande  rer Kriterien getroffen wurden. Einen eigenen score Wert bekommen gene  tische Differenzen aber nicht beige  messen.

,,Das Neue an dieser Checklist ist, dass alle Entscheidungen auf einer einheitlichen Grundlage getroffen wurden, über alle Regionen der Erde hinweg und zwischen allen Vogelord  nungen", erläutert Autor Josep del Hoyo im Gespräch mit DER FALKE den wesentlichen Unterschied zu bis  herigen Checklisten.

Die Tatsache, dass die Auto  ren von Lynx und Birdlife bei ihrer Art  und Unterartfestlegung nur in beschränktem Maße auf moleku  largenetische Erkenntnisse zurück  greifen, hat bereits Kritiker auf den Plan gerufen. Die vergleichsweise Zurückhaltung begründen del Hoyo und Collar damit, dass das Ausmaß der genetischen Differenz nicht per se auch das Maß der reproduktiven Unvereinbarkeit widerspiegelt, sowie damit, dass es keinen verbindlichen Schwellenwert gibt, der festlegt, welches Ausmaß an genetischer Dif  ferenz ausreicht, um ein Taxon als Art zu definieren. Sie verweisen zur Illustration unter Hinweis auf Studien an Gartenrotschwanz Populationen in Deutschland darauf, dass es inner  halb einer Art größere genetische Differenzen geben kann als bei man  chen zweifelsfrei als eigenständige Arten akzeptierten Taxa. So gelten die eigenständigen Arten Mauerseg  ler und Fahlsegler als genetisch nicht unterscheidbar (siehe Interview). 

»»Wenig Neues für Europa

 Im Ergebnis der Analysen sind natür  lich vor allem die bis heute weniger erforschten Gebiete der Erde für die meisten der neuen Arten verantwort  lich und die Zahl der splits ist unter den einzelnen Familien sehr unter  schiedlich ausgefallen. Eulen, Papa  geien, Tauben, Spechte, Eisvögel und Kolibris zählen zu den Familien mit jeweils mehr als 20 splits. So hat die Welt mit der Checklist 46 neue Arten von Papageien, 36 neue Kolibriarten und 26 neue Eulenarten. Proportio  nal zur Zahl der Angehörigen einer Familie gehören die Albatrosse, Mot  mots, Tukane und alle drei Bartvogel  Familien mit jeweils mehr als einem Viertel neu anerkannter Arten zu den Familien mit dem größten Zuwachs. Die Zahl der neu anerkannten Arten übertrifft diejenige der zusammenge  fassten Taxa (lumps) um das 15-fache. Nicht mehr als eigenständige Arten betrachtet werden beispielsweise fünf bisherige Kormoranarten, die nun als Unterarten oder gar nur als Farb  morphen der Kaiserscharbe klassifi  ziert werden. Von den nicht mehr als Arten akzeptierten Taxa hatten drei eine Klassifizierung als vom Ausster  ben bedroht, ihnen werden nun hof  fentlich auch als Unterart dieselben Schutzbemühungen zuteil wie zuvor, etwa der Unterart manusi der aus  tralischen Neuhollandeule oder der zur Unterart zurückgestuften Form brevipes des Grünsitttichs von der Socorro Insel bei Mexiko.

 Geografisch stammen die meisten neuen Arten aus Asien (15 Prozent) und Ozeanien (14 Prozent). Die Regi  onen Nord- , Süd-  und Mittelamerika, Afrika sowie Naher und Mittlerer Osten folgen mit einem Zuwachs um zehn Prozent. Der Artenzuwachs unter den Nicht- Singvögeln in Eu  ropa wird im Vorwort fälschlicher  weise mit neun Prozent angegeben, ein Flüchtigkeitsfehler in der Hek  tik der Endproduktion. Tatsächlich gibt es auf unserem gut erforschten Kontinent nur eine einzige neue Art und diese betrifft nicht zufällig die Iberische Halbinsel, das wohl span  nendste Evolutionslabor auf unserem Kontinent. Als vorerst letzter einer Reihe von iberischen Taxa wird dem bislang als Unterart des Grünspechts (Picus viridis) angesehenen Iberien  grünspecht (P. sharpei) nun Artsta  tus zugebilligt. Er folgt damit Arten wie dem Spanischen Kaiseradler und dem Iberienzilpzalp. Dies erscheint nur konsequent und sogar über  fällig, wird der ebenfalls sehr nahe verwandte nordafrikanische Vertre  ter des Grünspecht Komplexes, der Atlasgrünspecht (P. vaillantii), doch längst als eigene Art angesehen. Die verschiedenen Unterarten einer anderen auch in Europa vorkom  menden Spechtart, des Grauspechts (Picus canus), werden zwar weiter  hin als Angehörige derselben Art erachtet, allerdings werden die asia  tischen Vertreter des Komplexes nun in Asiengrauspecht (P. guerini) und Sumatragrauspecht (P. dedemi) auf  gesplittet. Ähnlich wird mit weiteren auch in Europa vorkommenden Arten verfahren. So sind ab nun Bekassine (Gallinago gallinago) und Wilsonbe  kassine (G. delicata) getrennte Arten, ebenso wie Wasserralle (Rallus aqua  ticus) und Asienwasserralle (R. indi  cus) sowie Triel (Burhinus oedicne  mus) und Indientriel (B. indicus).

Nicht nur auf Arten  und Unterar  tenebene bringt die Checklist Neue  rungen, die auch Europa betreffen. So werden Schrei- , Ganges-  und Schelladler unter Berufung auf phy  logenetische Untersuchungen aus der Gattung Aquila verbannt und in einer eigenen Gattung Clanga zusammen  gefasst. Man wird sich also an Clanga pomarina als wissenschaftlichen Namen für den Schreiadler und an Clanga clanga für den Schelladler gewöhnen müssen. 

»»Relevanz für den Artenschutz

Wie wichtig die in der Checklist vor  genommene taxonomische Neuord  nung für den Artenschutz ist, zeigt eine nähere Betrachtung der splits: Knapp ein Viertel der neu anerkann  ten Arten (22 Prozent) werden in der Roten Liste bedrohter Vogelarten in die Bedrohungsstufen ,,Critically Endangered", ,,Endangered" oder ,,Vulnerable" eingestuft. ,,Als Unter  arten eingestuft, wären sie vielleicht unbemerkt verschwunden, ohne dass wir es überhaupt bemerkt hätten, geschweige denn, dass Schutzkon  zepte erarbeitet worden wären", sagt del Hoyo. Weitere 15 Prozent der neuen Arten fallen in die Kategorie ,,Near Threatened". Die neu anerkann  ten Arten sind damit im Durchschnitt weitaus stärker bedroht als die bislang und auch künftig als eigenständige Arten anerkannten Taxa. Hier werden 16 Prozent in eine der Bedrohungs  kategorien und 11 Prozent als ,,Near Threatened" geführt. Dies liegt vor allem an den kleineren Populationen und enger begrenzten Verbreitungs  gebieten der neu anerkannten Arten; beides wichtige Bedrohungsrisiken. Nach Berücksichtigung der taxono  mischen Änderungen in der Checklist gelten nun 13 Prozent aller Vogelar  ten der Erde als bedroht.

,,Für die Schutzprioritäten hängt sehr viel von einer genauen Klassi  fizierung ab", unterstreicht del Hoyo: ,,Taxa könnten unbemerkt ausster  ben, weil sie bislang lediglich als Unterart eingestuft wurden, deren vermeintliche Artgenossen ja weiter existieren." Andersherum gilt aber auch, dass Unterarten, wenn über  haupt, weitaus weniger im Fokus von Schutzkonzepten stehen als Arten. In den wichtigsten vertraglichen Grund  lagen für den internationalen Arten  schutz wie dem CITES-Abkommen zum Handel mit geschützten Arten, dem Zugvogelabkommen CMS oder der Ramsar Konvention zum Schutz von Feuchtgebieten werden Vogel  arten - und nicht Unterarten - auf  geführt. Gleiches gilt für viele Rote Listen (die IUCN-Liste wächst mit der Checklist um mehr als 100 bedrohte Arten), die ebenfalls eine wichtige Rolle beim Mitteleinsatz für Schutz  und Erhaltungsbemühungen spielen. Die Autoren sind sich der Tatsache bewusst, dass sie mit der Erhebung einer bisherigen Unterart in den Rang einer Art die Scheinwerfer öffentlicher Beachtung und finanzieller Mittel auf den Neuling richten, zugleich durch die Aberkennung des Artstatus auch das Verschwinden vom Radar inter  nationaler Schutzbemühungen beför  dern. Die klare Antwort der Check  list Macher dazu lautet: ,,Schutzbe  trachtungen haben keinen Platz in taxonomischen Untersuchungen." 

»»Relevanz für den Artenschutz 

Wie wichtig die in der Checklist vor  genommene taxonomische Neuord  nung für den Artenschutz ist, zeigt eine nähere Betrachtung der splits: Knapp ein Viertel der neu anerkann  ten Arten (22 Prozent) werden in der Roten Liste bedrohter Vogelarten in die Bedrohungsstufen ,,Critically Endangered", ,,Endangered" oder ,,Vulnerable" eingestuft. ,,Als Unter  arten eingestuft, wären sie vielleicht unbemerkt verschwunden, ohne dass wir es überhaupt bemerkt hätten, geschweige denn, dass Schutzkon  zepte erarbeitet worden wären", sagt del Hoyo. Weitere 15 Prozent der neuen Arten fallen in die Kategorie ,,Near Threatened". Die neu anerkann  ten Arten sind damit im Durchschnitt weitaus stärker bedroht als die bislang und auch künftig als eigenständige Arten anerkannten Taxa. Hier werden 16 Prozent in eine der Bedrohungs  kategorien und 11 Prozent als ,,Near Threatened" geführt. Dies liegt vor allem an den kleineren Populationen und enger begrenzten Verbreitungs  gebieten der neu anerkannten Arten; beides wichtige Bedrohungsrisiken. Nach Berücksichtigung der taxono  mischen Änderungen in der Checklist gelten nun 13 Prozent aller Vogelar  ten der Erde als bedroht. ,,Für die Schutzprioritäten hängt sehr viel von einer genauen Klassi  fizierung ab", unterstreicht del Hoyo: ,,Taxa könnten unbemerkt ausster  ben, weil sie bislang lediglich als Unterart eingestuft wurden, deren vermeintliche Artgenossen ja weiter existieren." Andersherum gilt aber auch, dass Unterarten, wenn über  haupt, weitaus weniger im Fokus von Schutzkonzepten stehen als Arten. In den wichtigsten vertraglichen Grund  lagen für den internationalen Arten  schutz wie dem CITES Abkommen zum Handel mit geschützten Arten, dem Zugvogelabkommen CMS oder der Ramsar Konvention zum Schutz von Feuchtgebieten werden Vogel  arten   und nicht Unterarten   auf  geführt. Gleiches gilt für viele Rote Listen (die IUCN Liste wächst mit der Checklist um mehr als 100 bedrohte Arten), die ebenfalls eine wichtige Rolle beim Mitteleinsatz für Schutz  und Erhaltungsbemühungen spielen. Die Autoren sind sich der Tatsache bewusst, dass sie mit der Erhebung einer bisherigen Unterart in den Rang einer Art die Scheinwerfer öffentlicher Beachtung und finanzieller Mittel auf den Neuling richten, zugleich durch die Aberkennung des Artstatus auch das Verschwinden vom Radar inter  nationaler Schutzbemühungen beför  dern. Die klare Antwort der Check  list Macher dazu lautet: ,,Schutzbe  trachtungen haben keinen Platz in taxonomischen Untersuchungen." 

»»Von der Geburt als Art auf die Intensivstation

 Zu den neuen Arten, die gewisserma  ßen von der Geburt unmittelbar auf die Intensivstation verlegt werden, gehört auch ein Vertreter aus Europa, der auf einem winzigen Eiland vor Madeira brütende Desertassturmvo  gel, der als ,,Vulnerable" eingestuft wurde.

Die Checklist versammelt auch alle 100 bekannten ausgestorbenen Arten seit 1500, eine bedrückende Liste des menschlichen Einflusses auf die Bio  diversität im letzten halben Jahrtau  send. Daneben hat die Darstellung der ausgestorbenen Arten natürlich auch ihren Wert in taxonomischer und systematischer Hinsicht, weshalb sie neben den Betrachtungen in eige  nen Kapiteln auch in den Artkapiteln der eigentlichen Checklist erwähnt werden. Keine Neuerungen bringt das Werk für eine der schwerwiegendsten taxonomischen Entscheidungen: der Frage, ob eine Art ausgestorben ist oder nicht. Hier soll anstehenden Revisionen von BirdLife Internatio  nal offenkundig nicht vorgegriffen werden. Das Todesurteil für die Art noch nicht unterschreiben wollten die Autoren deshalb etwa für den Dünnschnabel Brachvogel, von dem es trotz mehrerer groß angelegter Suchaktionen im Brut  wie im Über  winterungsgebiet seit mehr als einem Jahrzehnt keinen Nachweis mehr gibt. Er wird weiterhin als ,,Criti  cally rare" klassifiziert, allerdings mit dem wenig hoffnungsvollen Zusatz: ,,Immer wahrscheinlicher ausgestorben." 

Thomas Krumenacker